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01.02.2016 | Hautalterung | Übersichtsartikel | Onlineartikel

aus: Der Hautarzt 2/2016

Tumorigenese und Hauttumoren im Alter

Zeitschrift:
Der Hautarzt

Autoren: T. Wild, A. Altenburg, I. Karagiannidis, C. Mauch, C. C. Zouboulis

Verlag: Springer Berlin Heidelberg

Abstrakt

Mehr als 1,5 Mio. Menschen waren 2012 in Deutschland an Hautkrebs erkrankt – davon 318.000 mit einem malignen Melanom. Die Zahl der malignen Neubildungen der Haut stieg damit seit 2005 um 60 %. Noch verbreiteter sind die epithelialen Tumoren, für die 2012 insgesamt 1,3 Mio. Diagnosen dokumentiert wurden. Das entspricht einer Steigerung von 79 % innerhalb von 7 Jahren. Die Zahl der Hautkrebspatienten in den deutschen Kliniken ist auch gestiegen. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 99.613 Patienten mit dieser Diagnose im Krankenhaus behandelt – 2000 waren es noch 57.147 Patienten. Das war die größte Zuwachsrate unter allen Krebsbehandlungen in deutschen Krankenhäusern. Durch die Veränderung der Alterspyramide ist mit einem weiteren Wachstum zu rechnen. Rasant ist auch die Entwicklung der molekularen Kenntnisse der Tumorigenese. Eine Reihe von zellspezifischen Mutationen konnten in den letzten Jahren für verschiedene Hauttumoren beschrieben werden. Mutationen werden v. a. in Genen gefunden, deren Translationsprodukte an wichtigen Schaltstellen regulatorisch in den Zellstoffwechsel oder die Zellteilung eingreifen. Zu diesen gehören sog. Onkogene, die aufgrund gezielter Mutationen eine stark erhöhte Aktivität aufweisen, bzw. Tumorsuppressorgene, die unter physiologischen Bedingungen als negative Regulatoren fungieren und durch Mutationen inaktiviert werden. Diese Kenntnisse führen zur Entwicklung einer Reihe von hoffnungstragenden Substanzen zur Therapie der Hauttumoren.
Melanozytäre und nichtmelanozytäre Hauttumoren in ihrer Gesamtheit stellen die häufigste Form von Krebs dar. Hauttumoren treten mit zunehmendem Alter auf. Es liegt daher nahe, dass durch den demografischen Wandel die Inzidenz von Hauttumoren weiter ansteigen wird (Abb.  1). Dies wird durch aktuelle Analysen des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland (GEKID) belegt [ 16]. In einer kürzlich veröffentlichten systematischen, weltweiten Analyse in 188 Ländern wurden altersstandardisierte Veränderungen der Prävalenz zahlreicher Erkrankungen einschließlich der melanozytären und nichtmelanozytären Hauttumoren erfasst. Diese zeigen einen weltweiten Anstieg der Inzidenz von malignen Hauttumoren [ 7].

Hauttumoren im Alter

Zu den häufigsten im Alter auftretenden malignen Hauttumoren zählen das Basalzellkarzinom (BCC), das Plattenepithelkarzinom (SCC), das maligne Melanom (MM) [ 12] und das Merkelzellkarzinom (MCC). Neben diesen werden beim alternden Menschen auch andere Hauttumoren epithelialen Ursprungs, z. B. Keratoakanthome und Adnextumoren, häufiger gefunden [ 1, 5]. Die weitaus größere Häufigkeit der epithelialen Hauttumoren im Vergleich zu anderen Krebsarten ist nicht verwunderlich, da die zellreiche Epidermis einer kontinuierlichen Erneuerung unterliegt und gleichzeitig einer großen Zahl exogener Noxen ausgesetzt ist.
Neben den malignen Hauttumoren tritt in der Altershaut eine Reihe von benignen Neubildungen auf.
Zu diesen zählen insbesondere die meist multipel auftretenden seborrhoischen Keratosen.
Im Gegensatz zum alternden Menschen werden bei Kindern lediglich 1–2 % der exzidierten Hauttumoren histologisch als maligne eingestuft [ 10]. Die für den alternden Menschen charakteristischen Hauttumoren treten bei Kindern praktisch nicht auf. Diese Beobachtung legt bereits nahe, dass Hauttumoren im Alter und in der Kindheit unterschiedliche Ursachen haben. Während maligne Tumoren im Kindesalter meist durch eine fehlgeleitete Regulation der embryonalen oder frühkindlichen Entwicklung entstehen, zeichnen sich maligne Tumoren im Alter besonders dadurch aus, dass sie aufgrund der Kombination von intrinsischer und exogen beschleunigter Alterung hervorgerufen werden. Die typischen Mechanismen, die sowohl für die Hautalterung wie auch die die Tumorigenese verantwortlich gemacht werden, sind in Tab.  1 dargestellt.
Tab. 1
Typische Mechanismen, die sowohl für die Hautalterung wie auch für die Tumorigenese verantwortlich gemacht werden
Akkumulation von Mutationen durch direkte oder indirekte DNA-Schädigung durch freie Radikale und oxidativen Stress
Änderungen der Immunkompetenz
Reduzierte Aktivität von Enzymen, die die Stoffwechselaktivität sowie die Zellteilung kontrollieren
Altersbedingte Reduktion der DNA-Reparatur

Grundlagen der Tumorigenese

Es ist inzwischen gut belegt, dass Ultraviolett (UV)-Strahlung direkt oder über eine vermehrte Bildung von schädlichen Radikalen bzw. reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) bei der DNA Mutationen hervorrufen kann. ROS umfasst Radikale (z. B. Superoxid-, Peroxyl-, Hydroxylradikale) und nichtradikalische Verbindungen (z. B. Wasserstoffperoxid, hypochlorige Säure und Singulettsauerstoff) [ 6]. Während ROS unter physiologischen Bedingungen durch in der zellreichen Epidermis vermehrt produzierte antioxidative Schutzsysteme abgefangen werden, kommt es beim ausgiebigen Sonnenbad zu einer vermehrten Anhäufung dieser schädigenden Substanzen. Diese Schäden häufen sich im Laufe des individuellen Lebens an und nehmen durch extrinsische, d. h. umweltbedingte Faktoren, insbesondere durch langjährige UV-Exposition zu. Darüber hinaus ist in der alternden Haut die Aktivität verschiedener antioxidativer Enzyme eingeschränkt, sodass erhöhte Konzentrationen an reaktiven Sauerstoffspezies das Reparatursystem überlasten und damit die Entstehung maligner Hauttumoren fördern [ 13].
Da die Epidermis die kurzwelligen UVB-Strahlen zum überwiegenden Teil absorbiert, sind v. a. die epidermalen Keratinozyten und Melanozyten von dem schädigenden Einfluss der UV-Strahlung betroffen, was sich in der Häufigkeit von epidermalen und melanozytären Hauttumoren in der alternden und insbesondere in der chronisch sonnenexponierten Haut widerspiegelt.
ROS werden auch während der Produktion von Energie aus Glukose in zellulären Organellen, den Mitochondrien, produziert. Mitochondrien und die darin enthaltene mitochondriale DNA werden unabhängig von der Zellteilung dupliziert. In Mitochondrien sind die Reparaturmechanismen im Vergleich zum Zellkern nur minimal vorhanden. Somit können mitochondriale Mutationen im Laufe des Alters akkumulieren, zelluläre Proteine und Lipide durch ROS beschädigt werden und dadurch in einem von Umweltnoxen unabhängigen Prozess die Entstehung von Tumoren fördern.
ROS können nicht nur doppelsträngige DNA des Zellkerns und der Mitochondrien schädigen, sondern tragen über die Bindung an Einzelstrang-DNA der sog. Telomere zur zellulären Alterung bei. Mit zunehmender Anzahl an Zellteilungen werden diese telomeren Enden kürzer und limitieren dadurch die Fähigkeit der Zellteilung. Das Enzym Telomerase kann diesem Vorgang entgegenwirken, indem es die freien Enden mit DNA auffüllt. Im Gegensatz zur alternden Zelle wird dieses Enzym von Tumorzellen vermehrt produziert, sodass sich Tumorzellen fortgehend teilen können, d. h. immortalisiert werden [ 17].

Rolle der Genmutationen

Genetische Veränderungen und Mutationen können mit der Gewebehomöo stase in vielfältiger Weise interferieren. Mutationen können Seneszenz und Apoptose induzieren – Prozesse, die mit der Gewebealterung korrelieren. Mutationen können aber auch zur karzinogenen Transformation und Ausbildung eines Tumors führen oder eine differenzierte Zelle in eine Zelle mit den Eigenschaften einer Stammzelle verändern.
Eine Reihe von zellspezifischen Mutationen konnte in den letzten Jahren für verschiedene Hauttumoren beschrieben werden. Mutationen werden v. a. in Genen gefunden, deren Translationsprodukte an wichtigen Schaltstellen regulatorisch in den Zellstoffwechsel oder die Zellteilung eingreifen. Zu diesen gehören sog. Onkogene, die aufgrund gezielter Mutationen eine stark erhöhte Aktivität aufweisen, bzw. Tumorsuppressorgene, die unter physiologischen Bedingungen als negative Regulatoren fungieren und durch Mutationen inaktiviert werden.
Wichtige Beispiele sind der Ptch-Smo-Gli-Signalweg, dessen Bedeutung am Beispiel des Gorlin-Goltz-Syndroms aufgedeckt wurde. Mutationen des Repressors PTCH1 führen nach Bindung des Wachstumsfaktors „sonic hedgehog“ zu einer dauerhaften Aktivierung des „hedgehog“-Signalwegs und damit verbundenen erhöhten Zellteilung [ 4]. Neben Mutationen im PTCH1 konnten beim sporadischen Basaliom auch Mutationen im Smoothened ( SMO)- bzw. im GLI-Gen identifiziert werden. Beim spinozellulären Karzinom wurden bereits vor vielen Jahren Mutationen in RAS-Genen identifiziert, die bei einer Untergruppe dieser Hauttumoren für den aktivierten MAPK-Signalweg verantwortlich gemacht werden. Des Weiteren werden gehäuft bei diesen Tumoren, aber auch bei aktinischen Keratosen Mutationen im Apoptose regulierenden p53-Gen gefunden, die zur Reduktion des Absterbens von Tumorzellen führt. Dabei handelt es sich meist um typische UV-induzierte C > T bzw. CC > TT-Mutationen [ 9].
Die beim malignen Melanom identifizierten aktivierenden Mutationen in den Genen von BRAF, NRAS und c-kit haben die Therapie des metastasierten Melanoms nachhaltig verändert. In zahlreichen klinischen Studien wurde die Wirksamkeit spezifischer BRAF- und MEK-Inhibitoren sowie Tyrosinkinase-Inhibitoren überprüft, sodass diese jetzt für die Behandlung verschiedener Untergruppen des Melanoms zur Verfügung stehen.
Kürzlich konnte am Beispiel des familiär gehäuft vorkommenden Melanoms erstmals gezeigt werden, dass UV-induzierte Mutationen in den regulatorischen Promotorbereichen des Telomerase-Gens zu einer erhöhten enzymatischen Aktivität der Telomerase führen. Interessanterweise wurden diese Mutationen in bis zu 71 % der Melanome, 56 % der Basaliome und 50 % der Plattenepithelkarzinome nachgewiesen [ 9]. Diese Befunde legen nahe, dass UV-Strahlen durch genetische Veränderung und Aktivierung des „Überlebensgens“ Telomerase eine wichtige Voraussetzung für das Tumorwachstum schaffen.

Epidemiologie der Hauttumoren im Alter

Die Zahl der Hautkrebspatienten in den deutschen Kliniken ist deutlich gestiegen. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 99.613 Patienten mit dieser Diagnose im Krankenhaus behandelt – 2000 waren es noch 57.147 Patienten. Das war die größte Zuwachsrate unter allen Krebsbehandlungen im Krankenhaus überhaupt (Tab.  2; Abb.  1)
Tab. 2
Maligne Tumoren der Haut in den Jahren 2000–2014 in Deutschland
ICD 10
2000
2005
2010
2011
2012
2013
2014
C43 Malignes Melanom
22.459
21.308
25.670
25.425
24.507
23.327
24.038
C44 Sonstige maligne Neubildungen der Haut
34.688
44.189
60.529
64.879
67.419
70.190
75.575
C43–44 Gesamt
57.147
65.497
86.199
90.304
91.926
93.517
99.613
Rund ein Viertel der Patienten musste sich wegen eines malignen Melanoms behandeln lassen. Knapp drei Viertel waren mit der Diagnose andere maligne Hauttumoren, insbesondere epitheliale Hauttumoren, zu dem das Basalzellkarzinom und das Plattenepithelkarzinom zählen, in Behandlung.
Nur ein knappes Drittel aller Pateinten nutzt das angebotene Screening im Rahmen der Regelversorgung.
Im Jahr 2012 wurden nach Hochrechnung von Daten der Barmer GEK für gesetzlich Krankenversicherte insgesamt 7,55 Mio. Screening-Untersuchungen abgerechnet. 2011 und 2012 nutzten sie damit 31 % der Anspruchsberechtigten. Frauen nutzen die Gelegenheit zur Früherkennung etwas häufiger als Männer (32 zu 30 %). Die Untersuchungen fanden mehrheitlich bei Hausärzten statt. Sie führten 4,18 Mio. Untersuchungen durch, Dermatologen führten 3,37 Mio. Untersuchungen durch [ 2].

Aktinische Keratosen

Die aktinische Keratose ist eine frühe intraepitheliale Form des Plattenepithelkarzinoms (Abb.  2). Sie stellt den wichtigsten Risikofaktor für die Entwicklung eines invasiven epithelialen Karzinoms dar. Die Zytomorphologie und die Beschaffenheit der DNA-Mutationen bei aktinischen Keratosen unterscheiden sich nicht von denen des Plattenepithelkarzinoms. Die Unterscheidung besteht einzig in der Invasivität und damit der Infiltrationstiefe der Läsionen. Das Plattenepithelkarzinom überschreitet bereits die epidermale Basalschicht.
Werden aktinische Keratosen nicht behandelt, können sie über Jahre hinweg unverändert bestehen bleiben, sich spontan zurückentwickeln oder in ein invasives Plattenepithelkarzinom übergehen. Gemäß mehrerer Studien entarten 5–20 % der aktinischen Keratosen innerhalb von 10 bis 25 Jahren in ein invasives Plattenepithelkarzinom. Der Morbus Bowen ist eine Zwischenform, also eine Übergangsform zwischen aktinischer Keratose und Plattenepithelkarzinom. Hierbei handelt es sich auch um ein Plattenepithelkarzinom in situ, also eine Frühform des Plattenepithelkarzinoms, das die gesamte Epidermis einnimmt, aber nicht überschreitet.

Keratoakanthom

Das Keratoakanthom ist ein gutartiger Hauttumor, der von den Keratinozyten des Haarfollikels ausgeht (Abb.  3). Es handelt sich um eine gutartige Wachstumsstörung, die allerdings klinisch und auch vom Zellaufbau Eigenschaften eines malignen Tumors nachahmt (z. B. knotiges, tumorartiges Wachstum, Zellatypien und Mitosen). Es kommt in lichtexponierten Hautarealen (Stirn, Nase, Ohren, Wangen, Arme, Handrücken) vor und ist meist ein 1–2 cm großer, rötlicher, halbkugeliger Tumor mit einem zentralen Hornpfropf und derber Konsistenz. Meistens ist es scharf begrenzt, von regelmäßiger Form und auf seiner Unterlage verschieblich. Da das Keratoakanthom genauso wie maligne epitheliale Tumoren bevorzugt in lichtexponierten Hautregionen entsteht, fällt dem Arzt oftmals seine Unterscheidung sowohl bei der klinischen als auch bei der histologischen Untersuchung schwer. Daher müssen Keratoakanthome in jedem Fall komplett entfernt werden.
Typisch für das Keratoakanthom ist, dass es innerhalb weniger Wochen rasch wächst und es danach häufig zu einem Wachstumsstillstand kommt. Das Keratoakanthom kann sich auch nach einiger Zeit spontan zurückbilden.
Am häufigsten erfolgt die Behandlung durch eine Operation auch aufgrund der notwendigen kompletten histologischen Untersuchung. In seltenen Fällen kann das Keratoakanthom auch kürettiert und anschließend 3- bis 4-mal in 2-tägigen Abständen mit einer 5-Fluorouracil-Creme behandelt werden.

Basalzellkarzinom

Im Jahr 2012 wurde bei insgesamt 1,3 Mio. Menschen die Diagnose eines epithelialen Hauttumors gestellt, wobei es sich bei der Mehrzahl davon um Basalzellkarzinome handelte. Das entspricht einer Steigerung von 79 % innerhalb von 7 Jahren. Tatsächlich ist das Baselzellkarzinom der häufigste, in der Regel langsam lokal infiltrierend und destruierend wachsende Tumor der behaarten Haut (Abb.  4) und weist unterschiedliche morphologische Varianten auf (Abb.  5). Aufgrund des großen, ovalen und stark basophilen Zellkerns der Tumorzellen sowie ihrer palisadenartigen Stellung an der Peripherie der Tumorstränge erinnern sie sehr an normale Zellen des Stratum basale der Epidermis und des Haarfollikels.
Dem Basalzellkarzinom fehlt in der Regel die Fähigkeit zur Metastasierung.
Daher wird es auch als semimaligner Tumor bezeichnet. Allerdings kann es in seltenen Fällen von lang bestehenden, verwilderten und tief wachsenden Basalzellkarzinomen zu regionalen und überregionalen Metastasen kommen,

Plattenepithelkarzinom

Plattenepithelkarzinome sind maligne epitheliale Tumoren der Haut (Abb.  6). Sie wachsen lokal invasiv und haben das Potenzial zu metastasieren. Sie sind nach den Basalzellkarzinomen die zweithäufigste Hautkrebsform. Bei den Ursachen für die Entstehung eines Plattenepithelkarzinoms steht die Schädigung der DNA in den Keratinozyten der Epidermis durch UV- Strahlung in Vordergrund. Die Datenlage zeigt, dass aktinische Schädigung durch chronische UV-Strahlung hervorgerufen wird. Dementsprechend häufig tritt diese Hautkrebsform bei hellhäutigen Menschen auf. Für die steigende Inzidenz in den letzten 50 Jahren sind neben der höheren Lebenserwartung die Veränderungen der Lebensgewohnheiten verantwortlich. Für weniger als 1 % der Plattenepithelkarzinome spielen weitere Risikofaktoren eine Rolle. Ein eingeschränktes Immunsystem kann die Entstehung begünstigen, daher haben insbesondere Organtransplantierte sowie Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie ein 100- oder mehrfach erhöhtes Risiko für Plattenepithelkarzinome. Auch bei chronischen Entzündungen, chronischen Unterschenkelulzera (Abb.  7) sowie straffen Narben ist das Risiko für ein Plattenepithelkarzinom erhöht. Genetisch bedingte Erkrankungen, wie Xeroderma pigmentosum, mit gestörter DNA-Reparatur sind eine Seltenheit, für den Betroffenen aber lebensbedrohlich. Ein Teil der Plattenepithelkarzinome wird mit humanen Papillomaviren assoziiert, insbesondere bei immunsupprimierten Patienten.

Malignes Melanom

Das maligne Melanom der Haut tritt europaweit immer häufiger auf. Der Anstieg ist rasant, und vor dem Hintergrund der Entwicklung der Erkrankungsraten in den vergangenen Jahren und des Freizeitverhaltens der Bevölkerung geht man davon aus, dass die Neuerkrankungsraten in Europa auch in naher Zukunft weiter ansteigen werden.
In Deutschland macht das Melanom mit etwa 18.000 neuen Fällen pro Jahr etwa 3,8 % aller malignen Tumoren aus.
Das maligne Melanom ist für etwa 1,2 % aller Krebstodesfälle insgesamt verantwortlich. Sein Anteil an den Todesfällen durch Hauttumoren beträgt hingegen mehr als 90 %, da kein anderer Hauttumor schneller Metastasen bildet als ein malignes Melanom der Haut. Dieser Anstieg sorgt für Besorgnis, insbesondere in osteuropäischen Ländern.
Die Analyse der Daten zu den malignen Hautkrebserkrankungen aus 29 europäischen Krebsregistern, in den meisten Fällen aus den Jahren 1990 bis 2006/2007, ergab, dass in den meisten europäischen Ländern Frauen häufiger von malignem Melanom betroffen werden als Männer (Abb.  8). Die höchsten Raten an Neuerkrankungen wurden in Ländern des Nordens und Nordwestens wie Großbritannien, Irland und den Niederlanden registriert. Die niedrigsten Neuerkrankungsraten wurden in Portugal und Spanien beobachtet. Insgesamt stabil waren die Raten in Norwegen. Unter den jüngeren norwegischen Männern in der Altersklasse zwischen 25 und 49 Jahren war sogar ein Rückgang der Neuerkrankungen am Melanom zu verzeichnen. In der Altersgruppe der Personen über 70 Jahre ist die Zahl der Melanomerkrankungen insgesamt gering. Allerdings erlebte die Generation 70-plus die größte Zunahme des Risikos, an einem Melanom zu erkranken, während des Studienzeitraums (Abb.  8). Das Lentigo-maligna-Melanom ist eine Melanomvariante, die am häufigsten bei älteren Personen auftritt (Abb.  9).

Merkelzellkarzinom

Das Merkelzellkarzinom ist ein sehr seltener kutaner, neuroendokriner, maligner Hauttumor, der von den epidermalen Merkelzellen ausgeht. Die Inzidenz und die Mortalität des Merkelzellkarzinoms betragen ca. 0,4/100.000 Einwohner und Jahr und haben innerhalb der letzten Jahrzehnte deutlich zugenommen. Die typischerweise im hohen Lebensalter auftretenden und rötlich-livid-kugelig aussehenden Tumoren wachsen bevorzugt an lichtexponierten Hautstellen des Gesichtes und der Extremitäten, weshalb ein Zusammenhang von Tumorentstehung und UV-Exposition vermutet wird (Abb.  10).
Das Merkelzellkarzinom ist ein Karzinom des höheren Alters (mittleres Lebensalter ca. 70 Jahre) mit bevorzugter Lokalisation im Kopf-Hals-Bereich (49 %) und an den Extremitäten (33 %), seltener am Stamm (10–27 %). Neben der UV-Exposition stellt auch eine Immunsuppression einen wesentlichen Risikofaktor dar. Merkelzellkarzinome kommen z. B. bei organtransplantierten oder HIV-Patienten viel häufiger (12/100.000/Jahr) und in deutlich jüngerem Alter (ca. 50 % < 50 Jahre) vor. In Einklang mit diesen Beobachtungen konnte aktuell eine virale Onkogenese [Merkelzell-Polyomavirus (MCV)] des Tumors demonstriert werden.

Adnextumoren

Adnextumoren sind in der Mehrzahl gutartig (Tab.  3). Eindeutige klinische Zeichen für die klinische Diagnosestellung existieren nicht. Für einige Tumoren gibt es Prädilektionsstellen, so für das Talgdrüsenkarzinom, das vorzugsweise an den Augenlindern vorkommt, für das digitale, aggressive papilläre Adenokarzinom, das an Fingern und Zehen vorkommt, und für das mikrozystische ekkrine Karzinom, das an der Unterlippe auftritt. In der Regel sollte therapeutisch wie bei der Behandlung von Plattenepithelkarzinomen der Haut vorgegangen werden [ 15].
Tab. 3
Einteilung von Adnextumoren
Adnexkarzinome mit ekkriner Differenzierung
Adnexkarzinome mit apokriner Differenzierung (extramammärer Morbus Paget)
Adnextumoren mit Haarfollikeldifferenzierung
Benigne follikuläre Adnextumoren
– Desmoplastisches Trichoepitheliom
– Fibrofollikulom
– Haarfollikelnävus
– Haarscheidenakanthom
– Porom, follikuläres (invertierte follikuläre Keratose)
– Kutanes Lymphadenom
– Naevus comedonicus
– Neurofollikuläres Hamartom
– Pilomatrixom (zuvor: Epithelioma calcificans Malherbe)
– Panfollikulom
– „Dilated pore“ (Riesenpore)
– Trichoadenom
– Trichoblastom
– Trichodiskom
– Trichoepitheliom (zuvor: Epithelioma adenoides cysticum)
– Trichofollikulom
   – Sebaceous trichofolliculoma
   – „Folliculosebaceous cystic hamartoma“
– Tricholemmom
– Tumor des follikulären Infundibulums (Infundibuloma)
Maligne follikuläre Adnextumoren
– Pilomatrixkarzinom
– Tricholemmales Karzinom
Adnextumoren mit Talgdrüsendifferenzierung
Benigne Talgdrüsentumoren
– Ektopische Talgdrüsen
– Mantelom
– Naevus sebaceus
– Steatozystom (ältere Bezeichnung: Sebozystom)
– Talgdrüsenhamartom, follikuläres, zystisches
– Talgdrüsenhyperplasie (senile)
– Talgdrüsenadenom
– Talgdrüsenepitheliom (Sebazeom)
– Muir-Torre-Syndrom
Maligne Talgdrüsentumoren
– Talgdrüsenkarzinom
Chondroide Syringome oder Mischtumoren der Haut sind relativ seltene Adnextumoren der Haut, die 0,01–0,1 % aller primären Hauttumoren ausmachen. In einer britischen Studie über 5 Jahre fanden sich bei einer regionalen Population von etwa 600.000 Einwohnern 231 Fälle von Adnextumoren. Von diesen wurden lediglich 20 als maligne eingestuft. Allein 10 dieser malignen Adnextumoren waren in einer Subpopulation von 650 organtransplantierten Patienten aufgetreten [ 11].
Die allgemeine Inzidenz maligner Adnextumoren dürfte erheblich unter 1/1.000.000 Einwohner und Jahr liegen. Dabei erscheint das relative Risiko für immunsupprimierte Patienten deutlich erhöht zu sein. In der Gesamtgruppe der malignen Adnextumoren ist die Mehrzahl (etwa zwei Drittel) im Kopf-Hals-Bereich lokalisiert. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen (Verhältnis von 1:1,3). Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei ca. 70 Jahren.
Adnexkarzinome mit ekkriner Differenzierung kommen bei nur etwa 1 von 13.000 dermatopathologischen Einsendungen vor. Zu den häufigsten Vertretern zählt das mikrozystische Adnexkarzinom [ 8], das seine Häufung in der 6. Lebensdekade zeigt. Auftreten kann es jedoch in jedem Erwachsenenalter (ab dem 3. Lebensjahrzehnt). Eine Geschlechtsbevorzugung wurde nicht beobachtet.
Das häufigste Adnexkarzinom mit apokriner Differenzierung ist der extramammäre Morbus Paget (apokrines Adenokarzinom der Haut). In einer US-amerikanischen Population wurde über eine Inzidenz von 0,2/100.000 Einwohner und Jahr berichtet [ 3].
Das Taldrüsenkarzinom ist ein sehr seltener Adnextumor mit initialem mäßigem Metastasierungsrisiko (bei hoher Differenzierungstendenz). Im Gegensatz dazu zeigt er eine hohe Malignität und sehr schlechte Prognose bei abnehmender Differenzierung der Zellen (Abb.  11, 12).

Kutane Lymphome

Maligne Proliferationen lymphatischer Zellen werden als maligne Lymphome bezeichnet. Die primären Lymphome der Haut sind die zweitgrößte Gruppe extranodaler Lymphome. Die Inzidenz wird auf 0,5 Neuerkrankung pro Jahr und 100.000 Einwohner geschätzt. Kutane Lymphome bilden eine heterogene Gruppe neoplastischer Erkrankungen. Die Häufigkeitsverteilung einzelner Entitäten, ihre Prognose und damit auch die therapeutischen Strategien unterscheiden sich deutlich von denen morphologisch vergleichbarer primär nodaler Lymphome. Primäre kutane Lymphome entstehen definitionsgemäß in der Haut und bleiben in der Regel über längere Zeit auf das Hautorgan beschränkt, wobei sekundäre kutane Lymphome eine Hautmanifestation von disseminierten, primär nodalen oder extranodalen Lymphomen darstellen. Morphologisch, immunphänotypisch und funktionell lassen sich verschiedene Typen lymphatischer Zellen abgrenzen.
B-Zellen, die dem Knochenmark entstammen, spielen eine zentrale Rolle bei der humoralen Immunität durch die Bildung von Immunglobulinen. Lymphozytäre Zellen aus dem Thymus werden dagegen als T-Zellen bezeichnet und sind für die zelluläre Immunität verantwortlich [ 11]. B- oder T-Zellen sind jedoch keine homogenen Zellpopulationen, sondern weisen zahlreiche morphologische und funktionelle Subtypen, Funktionszustände und Reifegrade auf, die im komplexen Netzwerk des Immunsystems miteinander interagieren. Daraus ergibt sich die Einteilung maligner kutaner Lymphome, die sich in T-Zell- oder B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphome und in ihre Untergruppen unterscheiden, wobei 65 % der kutanen Lymphome den kutanen T-Zell-Lymphomen, 25 % den kutanen B-Zell-Lymphomen und 10 % weiteren seltenen Formen zugeordnet werden können.

Fazit für die Praxis

  • Mit zunehmendem Alter nimmt die Inzidenz maligner Tumoren der Haut eindeutig zu.
  • Die Entwicklung der molekularen Kenntnisse der Tumorigenese ist rasant. Diese Kenntnisse führen zur Entwicklung einer Reihe von hoffnungstragenden Substanzen zur Therapie der Hauttumoren.
  • Die Dermatoonkologie wird künftig eine zentrale, zunehmende Rolle in der Tätigkeit der Hautärzte einnehmen.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

T. Wild, A. Altenburg, I. Karagiannidis, C. Mauch und C.C. Zouboulis geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Menschen oder Tieren.
Literatur