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22.02.2017 | Alopezie | Nachrichten

Verliert die Chemo ihren Schrecken?

Kältekappe bremst den Haarausfall bei Brustkrebspatientinnen

Autor:
Dr. Elke Oberhofer

Das sogenannte Scalp-Cooling scheint den chemotherapiebedingten Haarausfall bei Krebspatientinnen signifikant zu reduzieren. Das legen zwei aktuell im Fachblatt JAMA erschienene Studien nahe. Die Kältekappen wurden meist relativ gut toleriert und erwiesen sich in etwa der Hälfte der Fälle als effektiv.

Der Haarausfall ist definitiv eine der am meisten gefürchteten Nebenwirkungen der Chemotherapie bei Brustkrebspatientinnen. Bis zu 8% geben an, aus diesem Grund sogar auf eine notwendige Chemo verzichten zu wollen. Viele Frauen empfinden den Haarverlust, der für alle sofort sichtbar ist und sie als krebskrank kennzeichnet, als stigmatisierend; sie sehen sich zudem in ihrer Weiblichkeit und ihrem Selbstwertgefühl stark beeinträchtigt. Einige Patientinnen geben sogar an, sie kämen mit dem Haarverlust schlechter zurecht als mit dem Verlust einer Brust.

Kälte schützt Haarfollikel

Mit dem sogenannten Scalp Cooling steht heute ein Verfahren zur Verfügung, das den Haarverlust verhindern oder zumindest bremsen soll. Die auf die Kopfhaut applizierte Kälte bewirkt, dass sich die Gefäße zusammenziehen, wodurch die Kopfhautdurchblutung reduziert wird. Dadurch will man verhindern, dass die per Infusion verabreichten zelltoxischen Medikamente die Haarfollikel erreichen und schädigen. Ein weiterer erhoffter Mechanismus ist die Reduktion der Stoffwechselaktivität der Haarfollikel. Nicht nur Krebszellen, sondern eben auch Haarfollikelzellen reagieren deshalb besonders stark auf eine Chemotherapie, weil sie sich sehr rasch teilen.

Computergesteuerte Kühlung der Kopfhaut

In den beiden nun in der Fachzeitschrift „JAMA“ publizierten Studien wurden zwei ähnliche Systeme der Kopfhautkühlung getestet. Beide arbeiten mit Silikonkappen, in denen ein Kühlmittel zirkuliert, wodurch die Kopfhaut allmählich abgekühlt wird. Die Kappen werden eine halbe Stunde vor Beginn der Infusion aufgesetzt und verbleiben bis 90 bzw. 120 Minuten nach Infusionsende auf dem Kopf der Patientin. Die Temperatur der Kopfhaut wird dabei fortwährend über ein computergesteuertes System kontrolliert.

Wie die Autoren unabhängig voneinander berichten, konnten sie mit dem Kühlkappensystem Erfolgsraten von rund 50% erzielen. Damit, so JAMA-Kommentator Howard West vom Swedish Cancer Institute in Seattle, habe man das Potenzial, „aus der chemotherapiebedingten Alopezie ein weit weniger häufiges Ereignis zu machen“. Dawn L. Hershman von der Columbia University in New York schreibt, es handle sich um einen „großen Schritt hin zu einer verbesserten Lebensqualität“.

SCALP: Randomisierte Multicenterstudie

Die Studie mit dem Akronym SCALP (Scalp Cooling Alopecia Prevention) war als randomisierte Multicenterstudie konzipiert. Daran beteiligt waren 182 Brustkrebspatientinnen im Frühstadium (Stadium I oder II), die an einem von insgesamt sieben US-Krebszentren behandelt wurden. Die adjuvante Chemotherapie bestand aus vier Infusionszyklen auf der Basis von Taxanen und/oder Anthrazyklinen.

Als primärer Endpunkt wurde die Erhaltung der Kopfhaare nach dem vierten Zyklus festgelegt. Dabei galt es als Erfolg, wenn die Patientinnen entweder keine Haare oder weniger als 50% verloren, sodass keine Perücke benötigt wurde (Alopeziegrad 0 oder 1 nach CTCAE v4.0). Die Dauer der Studie war auf fünf Jahre ausgelegt.

Wegen Überlegenheit gestoppt

Aufgrund der klaren Überlegenheit der Intervention wurde SCALP jedoch vorzeitig gestoppt. Was hier berichtet wird, sind die Ergebnisse einer geplanten Interimsanalyse: Darin wurden 95 mit Kühlkappe behandelte Patientinnen einer Vergleichsgruppe von 47 Patientinnen ohne diese Behandlung gegenübergestellt. In der Interventionsgruppe lag die Erfolgsrate bei 50,5%, in der Vergleichsgruppe dagegen bei 0%. 5% der Teilnehmerinnen in der Scalp-Cooling-Gruppe hatten nahezu keinen Haarverlust. In der Kühlgruppe wurden Perücken oder Kopftücher von 63% der Frauen getragen, in der Kontrollgruppe griffen dagegen alle auf eine Kopfbedeckung zurück.

An Nebenwirkungen der Kühltherapie wurden trockene Kopfhaut, schmerzende Kopfhaut, Kältegefühl, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Parästhesien, Juckreiz und Hautveränderungen beobachtet. Nach Julie Nangia vom Baylor College of Medicine in Houston, Texas, erreichte der Schweregrad bei den 54 erfassten Fällen jedoch maximal 2. Die meisten Patientinnen, so die Forscher, hätten kein sehr unangenehmes Gefühl beim Tragen der Kappe gehabt. Allerdings hatten vier Frauen von vornherein ihre Teilnahme an der Studie zurückgezogen, weil sie die Kappe als zu kalt oder unangenehm empfanden.

Große Unterschiede zwischen den Zentren

Überraschend war das Ergebnis der Analyse zur Lebensqualität: Weder bei den emotionalen noch bei den funktionellen Komponenten war ein Unterschied zwischen den Gruppen festzustellen. Dies mag mit den Bewertungskriterien zusammenhängen: Die Frauen waren beispielsweise gefragt worden, ob sie sich angespannt, besorgt, gereizt oder deprimiert fühlten und ob ihr Familienleben oder ihre gesellschaftlichen Aktivitäten gelitten hätten. Auf all diese Kriterien hatten die Krebserkrankung und auch deren Behandlung sehr wahrscheinlich entscheidenden Einfluss.

Was an dieser Studie weiterhin auffällt, sind die teilweise erheblichen Unterschiede zwischen den Zentren: In der Kühlgruppe reichte die Bandbreite der Erfolgsraten je nach Klinik von 0% bis 68,8%. Eine Post-hoc-Analyse lässt ahnen, warum dies so war: Unter Anthrazyklin-basierter Chemotherapie lag die Rate bei 16%, unter Taxanen wurden dagegen 59% erreicht. Zentren, in denen Taxane eingesetzt wurden, waren offenbar deutlich erfolgreicher. Die Planung der Chemotherapie könnte in Zukunft also auch davon abhängen, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich unter einem bestimmten Regime die Haare der Patientin erhalten lassen, so Nangia und Kollegen. Das korrekte Anbringen der Kappe sei außerdem Erfahrungssache.

Beobachtungsstudie: Vorteil auch bei der Lebensqualität

Die zweite Studie war noch kleiner und zudem als reine Beobachtungsstudie konzipiert. Hier wurden 101 Patientinnen mit Kühlkappe behandelt, die Vergleichsgruppe umfasste 16 Frauen. An Chemotherapeutika eingesetzt wurden vor allem Docetaxel und Cyclophosphamid über vier bis sechs Zyklen. Das Zielkriterium, ein Haarverlust von weniger als 50% (Grad 0 bis 2 auf der Dean-Skala), wurde von 61,4% der Interventionsgruppe erreicht, 5% aus dieser Gruppe beklagten keinerlei Alopezie. Auch in dieser Studie waren in der Vergleichsgruppe allen Patientinnen die Haare ausgegangen. Drei Patientinnen hatten wegen eines unangenehmen Kältegefühls die Kappe verweigert. Die Nebenwirkungen bei den übrigen entsprachen in etwa denen in der SCALP-Studie. Weder Haardicke oder -beschaffenheit noch Alter, BMI oder eine vorangegangene Hormon- oder Chemotherapie beeinflussten das Ergebnis.

In der Beobachtungsstudie hatten die Patientinnen eindeutig auch in puncto Lebensqualität profitiert. Zu deren Beurteilung hatte das Team um Hope S. Rugo vom Helen Diller Family Comprehensive Center in San Francisco einen speziell auf Brustkrebspatientinnen zugeschnittenen Fragebogen der EORTC (European Organisation for Research and Treatment of Cancer) verwendet. Einen Monat nach Therapieende war die Scalp-Cooling-Gruppe in drei von fünf Bewertungskriterien im Vorteil. Zum Beispiel berichteten nur 27,3% in der Interventionsgruppe, dagegen aber 56,3% aus der Kontrollgruppe, sie würden sich nach beendeter Therapie weniger attraktiv fühlen.

Kein Hinweis auf Metastasen

Die Sorge, dass das Scalp-Cooling etwa die Bildung von Brustkrebsmetastasen in der Kopfhaut begünstigen könnte, bestätigte sich in beiden Studien nicht. In der Rugo-Studie wurden die Patientinnen über im Schnitt 29,5 Monate nachbeobachtet.

Was unklar bleibt, ist die erforderliche Mindestzeit, um einen Therapieeffekt zu erzielen, und die Frage, wer die Kosten trägt. Pro Patient werden in den USA zwischen 1500 und 3000 Dollar veranschlagt. Das von Rugo et al. verwendete DigniCap®-System wurde bereits von der US-Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) gebilligt, das Paxman®-System aus der SCALP-Studie liegt derzeit zur Bewertung vor. Auch in Deutschland werden Kühlkappensysteme bereits in einigen Zentren angeboten.

Literatur